Presseartikel und Rezensionen - Auszüge

Legenden um Martin Luther - Der Tintenfasswurf

Forum Papiertheater Herbst 2017
von Brigitte Lehnberg

 

 

Birthe und Sascha Thiel spielen ohne Vorhang. Das ist keine Überraschung, doch ist es wie immer ein Vergnügen, dem Spiel der beiden zuzusehen. Birthe Thiel gibt dieses Mal die Reiseleiterin, die uns mit ihrer „Luther on Tour“, mitten in die Legende um Martin Luther führt. Sie versäumt auch nicht, sogleich auf mehrere buchbare Ausflugs- sowie
Menupakete hinzuweisen. Das Publikum bleibt beim zugreifen dieser Pakete zunächst zurückhaltend und lässt sich dafür voll auf die Reise nach Wittenberg ein. Dort findet im Wald die Begegnung Martin Luthers mit Friedrich dem Weisen statt, seinem Freund und Gönner, der ihn dringend auffordert, die Wartburg aufzusuchen, um sich dem Zugriff der Kirche zu entziehen. Diese hat ihn, unverständlicherweise, nach dem Anschlagen der 95 Thesen, für vogelfrei erklärt. Auf der Burg beginnt Luther sich zu langweilen. Zudem ärgert ihn ein frecher Hund, den Luther zweifelsfrei als den Teufel erkennt. Um seiner Langeweile zu entrinnen, beschließt er, die Bibel zu übersetzen, um sie dem gemeinen Volk zugänglich zu machen. Doch der Teufel lässt nicht locker. Immer wieder erscheint er Luther, dem dieser Dämon sehr zusetzt. Als Martin Luther endlich die Geduld verliert und entnervt das Tintenfass nach ihm wirft, verschwindet der Plagegeist, doch der Tintenfleck an der Wand, durch einen Beamer erzeugt, ist deutlich zu sehen. Das Théâtre de Mont´Hiver, setzt diese Legende für das Papiertheater gekonnt und erfrischend um. Birthe Thiel ist als Reiseleiterin eine Wucht. Sie spricht auswendig und mit schauspielerischem Talent ihre Texte, mit denen sie den Figurinen Leben einhaucht und dem Stück den nötigen Schwung verleiht. Sascha Thiel ist ihr dabei durchaus ebenbürtig.
Bei diesem Stück wird klar, dass auch weniger manchmal mehr sein kann. Ursprünglich als Auftragsarbeit für ein Museum gedacht und unter Zeitdruck erarbeitet, bescherte es dem Zuschauer durch das frische, überzeugende Spiel, die intelligenten und humorvollen Texte, das gekonnte und sparsame Einsetzen von Effekten und die harmonisch  abgestimmten Bühnenbilder ein kurzes aber großartiges Papiertheatervergnügen.
 

Julia und Romeo

"Moment der Woche" im Magazin Forum Dezember 2016

Forum Papiertheater Herbst 2016

von Horst Römer


Wer die Aufführungen der Thiels kennt, weiß, was er an positiven Erlebnissen erwarten kann: ein stilisiertes, klares und farblich abgestimmtes Bühnenbild, charakteristische Figuren in zeitgenössischen Kostümen, einen offenen, zügigen und entspannten Umbau, passende Musik und eine hervorragende sprecherische Gestaltung, klug eingesetzte Spezialeffekte, gleitende Übergänge von Spiel, Musik und Sprache. Das war auch diesmal so, es kam sogar noch etwas hinzu. Das Proszenium war dem Globe Theatre nachempfunden, stilisiert aber deutlich, mit einer Oberbühne. Auf dieser erschien Shakespeare, um von Zeit zu Zeit mit den beiden Hauptfiguren über das Stück zu diskutieren. So vergnüglich kann das sein, was die Wissenschaft „Metafiktionalität“ und „Selbstreferenzialität“ nennt! Julia und Romeo sehen nicht ein, wieso sie sterben müssen. Da habe der Meister doch völlig abstruse Zufälle eingebaut, wie die eigentlich ungewollte Ermordung Tybalts durch Romeo und v.a. den Boten, der nicht rechtzeitig anwesend ist, um Romeo von dem Plan Lorenzos zu unterrichten, so dass Romeo glaubt, Julia sei tot, und sich daraufhin vergiftet und Julia sich dann ersticht. In dem Stück des Théatre Mont d’Hiver wird in 35 Minuten die gesamte Handlung untergebracht (auch die Nachtigall und die Lerche kommen vor) und die Diskussion mit dem Autor geführt – das alles ohne Hektik, völlig unverkrampft. Shakespeare rechtfertigt sich übrigens zum Schluss damit, dass nur durch den Tod des Liebespaares die verfeindeten Familien ihre Fehde hätten beenden können, und fordert die Zuschauer auf, Julia und Romeos Vermächtnis am Leben zu erhalten, also solche tragischen Verwicklungen zukünftig unnötig zu machen.
Ein rundum schönes Stück des im Kern traditionellen Papiertheaters, das durch solche
Inszenierung lebendig bleibt.

Cinema Nostalgia:

Über Gesehenes in Preetz von Horst Römer
Théatre Mont d’Hiver, Cinema Nostalgia

Auszug aus : "Das PapierTheater", Oktober 2015

 

"Ein Varieté der Zwanziger Jahre in der Krise. Das Geld fehlt, die Künstler sind alt und beherrschen ihr Handwerk nicht mehr so recht, tödliche Unfälle drücken die Stimmung. Da taucht jemand auf, den man heute als ‚Investor’ bezeichnen würde, ein reicher Amerikaner, der die spontane Idee hat, aus dem wunderschönen Etablissement ein Filmtheater zu machen. Die alternde, unter Depressionen leidende Besitzerin lehnt entrüstet ab. Der Amerikaner lässt seinen charmanten Optimismus spielen und nach einigem Hin und Her willigt Madame ein. Das Haus eröffnet neu als Kino und zeigt einen Film, in dem die ehemalige Diva eine Wiederauferstehung als Filmstar feiern kann. Eine leise, rührende Geschichte, die das Ableben alter, das Aufkommen neuer Künste und das Weiterleben der alten erzählt. Die beiden Thiels liefern eine Aufführung, an der alles stimmt. Die Kulissen teils mimetisch, teils stilisiert, klar in Aufbau und der farblichen Gestaltung, die Figuren markant, die Handlung live und professionell gesprochen, die Musik stimmungsvoll und gezielt eingesetzt, die Wechsel fließend, ohne Hektik, die beiden Spieler in perfekter Harmonie. – Und dann, Ladies and Gentlemen, die Grande Sensazione: Nicht nur dass das Stück das Aufkommen eines neuen Mediums thematisiert, es wird auch in die Performance eingebaut. Mit einem kleinen Beamer (es lebe der Fortschritt) wird ein Film auf die Leinwand des neuen Bühnenkinos projiziert, der Zeit entsprechend in schwarz-weiß mit – den Spielern als Filmstars! Allein diese Idee macht die Aufführung sehenswert. Vor allem weil dieser Sensation nicht etwa der Rest des Stückes und der Aufführung zum Opfer fiel, der Spezialeffekt war integriert und hatte eine Funktion. Bravo, bravissimo! Freuen wir uns auf weitere Stücke!"

Mona Lisa:

Probsteer, 8.4.2015, Susanne Michaels:
Kieler Nachrichten/Ostholsteiner Teil, 31.3.2015, Claudia Josefus-Szellas

2013

 

Bericht in den Kieler Nachrichten 

Bericht in der Fachzeitung "Das PapierTheater"

 

Frösche küsst man nicht:

 

Bericht in der Fachzeitung "Das PapierTheater" 2014
von Jens Schröder

 


Théâtre Mont d’Hiver – Birthe und Sascha Thiel, Saarbrücken
Frösche küsst man nicht

".. sondern man isst sie - entweder, weil man sie beim Betreten der „Alten Schneiderei“ von Birthe und Sascha Thiel in Fruchtgummi-Form überreicht bekommt oder aber, weil man verarmt in einem Schloss lebt und die Schenkel der im Schlossteich lebenden Frösche die einzige noch finanzierbare Nahrungsquelle darstellen.
So ging es der ehemals hochherrschaftlichen Familie in dieser originellen Froschkönig-Version. Wir befinden und in einem sehr verarmten Königreich, in dem es der herrschenden Familie nicht besser geht als seinen Untergebenen – der König und seine beiden Töchter sind auch arm. Zur Schlossbesatzung gehört noch die Haushälterin, die im sich im Laufe der Jahre erstaunliche Fähigkeiten im Froschfang angeeignet hat.
Das Dilemma der Schlossbewohner, deren Papiertheaterfiguren übrigens wieder alle Gesichtszüge der Reimers’schen Familie trugen, könnte sich lösen lassen, wenn Tochter Rosa den ungeliebten Prinz des reichen Nachbarn heiraten würde; dieser ist aber weder kunstinteressiert, noch teilt er die Vorliebe der Prinzessin für „Wer wird Millionär“ – dies ist die wichtigste Voraussetzung für die Eignung als Ehegatte. In einem der Frösche findet Rosa alternativ den geeigneten Lebenspartner- nur ein Kuss, und schon wird aus ihm ein netter Quiz-Show-liebender Prinz…
Doch so einfach ist das nicht. In dieser mit sehr passend zur Handlung ausgewählten Musikstücken ergänzten Geschichte gab es noch diverse Komplikation auf dem Weg zum Happy-End.
Eine besondere Freude ist es, den beiden Spielern bei ihrer Tätigkeit zusehen zu dürfen. Die Art und Weise, wie sie miteinander spielen und über ihr Theater hinweg miteinander kommunizieren, ist sehenswert. Hier wird spürbar, dass die beiden jederzeit bereit wären, Ihrem Partner beim Schauen der bereits erwähnten Quiz-Sendung Gesellschaft zu leisten… Es bleibt zu hoffen, dass die Beiden nicht auf die Idee kommen, ihre Bühnen um einen frontalen Vorhang, hinter dem die Spieler verschwinden, zu erweitern, es würde viel verloren gehen.
Über ein Wiedersehen mit den beiden Saarländern in der „Alten Schneiderei, die sich übrigens fast schon auf Grund der besonders Papiertheater-geeigneten Wohnzimmeratmosphäre zu meiner Lieblingsspielstätte in Preetz entwickelt hat, würde ich mich sehr freuen."

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